Über

Firmament der Farben

Haus und Landschaft, Heimat, Identität, Märchen und Folklore – das sind Themen, denen sich die Malerin und Zeichnerin Antje Taubert eigenwillig und eingreifend widmet. Konkret sind das Gebrauchsgegenstände, Häusertypen, Konsumartikel, historische Objekte oder Lektüren. Antje Taubert erobert sie sich durch intensives Zeichnen, immer dicht an den realen Erscheinungen. Diese sehr lebendigen, handschriftlichen und farblich schwingenden Zeichnungen zielen immer auf die wesentliche, geradezu zeichenhafte Erscheinung von Gebäuden, Gebirgen, Gestaltetem etc. Sie „reißt“ – mit Dürers Wort – ihre Motive aus allen erzählerischen Zusammenhängen „heraus“, konzentriert sich auf charakteristische Formen und Farben.
Diese kehren in den Gemälden wieder – streng analytisch und dabei gleichsam übersetzt in eine neue Ästhetik, in eine völlig andersartige Darstellungsweise. Antje Taubert bevorzugt in der Malerei Farb- und Formextrakte, die sich vom Gesehenen weit entfernt haben und eine strukturierte Welt voller Harmonie und farbigem Licht erzeugen. Ihre Gemäldegruppen zu den jeweiligen Themen scheinen nicht nur geometrisch geordnet, sondern mathematisch umgedeutet und neu beseelt.

Insbesondere aus ihrer jüngeren Werkgruppe „Moskauer Konfekt“, die Dekore von Bonbon- und Schokoladenpapieren der 1930er Jahre aus Moskauer Schokoladenfabriken wie „Krasnyj Oktjabr“ oder „RotFront“ aufgreift, ist ein großes Konvolut von Gemälden mit geometrischen Figurationen erwachsen.
Daß schon bald die suprematistischen und konstruktivistischen Gestaltungsprinzipien in der Sowjetunion in viele Bereiche der Gestaltung vom politischen Plakat bis zum Kunstgewerbe und Verpackungsdesign drangen, ist auch Ergebnis der kunstpolitischen Förderung sog. Künstler-Dekorateure.
Antje Taubert reinigt die Konfekt- und Bonbonpapiere von allen typografischen und bildhaften Zutaten, die in den 1930er Jahren diese einst revolutionären Gestaltungsprinzipien verunklart und folklorisiert haben. Sie reduziert auf ein zeitlos geometrisches Gerüst farbiger Elemente. Es holt die einmal bahnbrechende Radikalität der Künstler wieder hervor und schlägt zugleich eine Brücke in die digital dominierte Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts mit ihren kulturellen und sozialen Folgen für Wahrnehmung und Ästhetik.

Entstanden sind kühlfarbige Gemälde, deren quadratische Flächen durch opulente geometrische Figuren und Formentwicklungen vermessen werden. Diese oft großformatigen Bilder weisen keine Gemeinsamkeiten mehr mit den vorbereitenden und wegweisenden kleinen Zeichnungen auf. Geometrische Formen breiten sich wellenförmig aus, staffeln und überlagern sich. Alle basieren auf Quadrat, Dreieck und Kreis – das ist Schönheit der Geometrie ganz ohne Mystik und Transzendenz, aber voller lichter Weite und Heiterkeit. Russischgrün, Rot, Blau, Gelb – es ist ein Fest aus diagonalen und seitenverkehrten Symmetrien der feingestuften Farben. Diese bringen die zentrierten Kompositionen in Bewegung, ins Rotieren. Ihre Energien überfluten die Bildränder.
Radikal vereinfacht, vielfach multipliziert und monumental überführt Antje Taubert Elemente der realen Einwickelpapiere in eine neue ästhetische Existenz als Tafelbilder – kraftvoll, klar und festlich.
Mit „Moskauer Konfekt“ läßt Antje Taubert – wie schon mit vorhergehenden Bilderzyklen – den ursprünglichen Realitätsbezug hinter sich und betritt das Areal der Konkreten Kunst.

Mit kleinen dunklen, sehr malerischen Bildquadraten im Atelier vergewissert sie sich aber bereits des nächsten Neubeginns und der nächsten Form- und Farbenmetamorphose.

Dr. Gabi Ivan, 2015

Antje Taubert lebt und arbeitet in Berlin.

2002 – 2003
Meisterschülerstudium
bei Prof. Hanns Schimansky

2001
Diplom Bildende Kunst / Malerei, Kunsthochschule Berlin
bei Prof. Hanns Schimansky

1995 – 2001
Studium Bildende Kunst / Malerei Kunsthochschule Berlin
bei Prof. Werner Liebmann und Prof. Hanns Schimansky

1991 – 1994
Ausbildung Drucktechnik / Ofsetdruck

1986 – 1989
Lehre Betonfacharbeiterin mit Abitur

1969
in Berlin geboren